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Senioren auf der Überholspur Drucken E-Mail
erschienen in der ZEIT online am 13.04.2006
Link: Senioren auf der Überholspur    Titel: Senioren auf der Überholspur
Qelle: ZEIT online
Erscheinungsdatum: 13.04.2006
Inhalt:
© ZEIT online, 13.4.2006

Senioren auf der Überholspur

Das Internet ist ein Jungbrunnen – für die Deutschen, die jenseits der 50 sind. Eine neue Studie zeigt: die Alten müssen sich vor ihren Kindern und Enkeln keineswegs verstecken Von Falk Lüke
Rund ein Viertel der Bundesbürger jenseits der 50 surft täglich im Internet. Und dabei sind sie selbstbewusst, wissen was sie tun. Eine Studie des Chipherstellers Intel und des Kompetenzzentrum Technik, Diversity, Chancengleichheit der Fachhochschule Bielefeld ergab, dass die Senioren sich auf der Datenautobahn heimisch fühlen – und längst nicht mehr ausschließlich auf Hilfestellung ihrer Enkel angewiesen sind.
Der Studie zufolge sind mehr als zwei Drittel der „Silversurfer“ seit mehr als drei Jahren im Internet zuhause, ein beachtlicher Wert. Und auch die Wege, wie die Über-50-jährigen ins Netz gefunden haben sind bemerkenswert: Zum größten Teil sind es Autodidakten, teils mit Hilfe von Freunden, Kollegen haben sie sich die notwendigen Kenntnisse angeeignet. Doch auch professionelle Hilfestellung wird vermehrt in Anspruch genommen.
Was ist DSL, was ist ein Modem, was ist ein Browser? Das sind die Fragen, die den Internet-Neulingen erst einmal erklärt werden wollen. Margrit Wesener ist Dozentin bei Silber Media, einem auf Schulungen älterer Menschen spezialisierten Dienstleister in Berlin. Sie hat in den letzten drei Jahren über 800 Kursteilnehmern das Internet näher gebracht – und ist begeistert von der Wissbegierigkeit der älteren Menschen: „Diese Zielgruppe interessiert sich für das Leben, will schauen, was man sich anschaffen könnte und was Ferienwohnungen kosten.“ Die Junggebliebenen interessieren sich viel mehr für Billigflieger als für Internetapotheken.
„Es fehlte bislang der Blick darauf, wie differenziert die große Gruppe der Senioren ist“, sagt Barbara Schwarze, Soziologin an der Fachhochschule Bielefeld und Mitinitiatorin der Studie. Bislang hörte man häufig das Vorurteil, ältere Menschen seien kaum im Internet unterwegs – und diejenigen, die „drin“ sind, würden kaum das Netz nutzen. Genauere Untersuchungen fehlten. Doch nun seien einige Vorurteile widerlegt, stellt Schwarze fest: „Das könnte gerade den Blick von Unternehmen erweitern und zeigen, wie attraktiv für sie diese Gruppe sein kann.“ Denn insbesondere bei den netzaffinen Senioren habe man bislang häufig danebengelegen - bei dieser Gruppe kann man sehen, dass sie viel Ähnlichkeit mit jüngeren Leuten haben – und dass sie eigene Schwerpunkte haben.“
Kürzlich berichtete eine 83-jährige Kursteilnehmerin der Berliner Internetlehrerin Margrit Wesener von ihrer neuesten Anschaffung: Ein nagelneuer Laptop. Damit liegt die ältere Dame im Trend: Die Computer der surfenden Senioren sind im Durchschnitt gut ausgestattet, abgelegte Rechner aus der Familie nur selten die erste Wahl. Sie kennen ihre Rechner und wissen die Geschwindigkeit von Breitbandzugängen zu schätzen – fast zwei Drittel nutzen DSL-Zugänge für ihre häufigen Ausflüge ins Netz der Netze. „Auch in dieser Generation gibt es eine erhebliche Anzahl von Menschen, die Technikbegeisterung entwickelt haben“, stellt Barbara Schwarze fest. Doch gerade diese Nutzer surfen viel, schreiben E-Mails und veröffentlichen Texte.
Die meisten Schwierigkeiten bereiten ihnen das Computer-Fachchinesisch – und das allgegenwärtige Englisch. Für ältere Bürger ist die Beherrschung dieser Sprache keineswegs eine Selbstverständlichkeit, vor allem nicht im Osten der Republik. Selten sind auch speziell auf Senioren zugeschnittene Angebote: zwar gibt es Angebote für Computerspieler und Büroarbeiter, doch auf die Bedürfnisse der finanzstarken Zielgruppe jenseits der 50 nehmen Hersteller und Dienstleister nur selten Rücksicht.
Doch dort, wo es spezielle Angebote gibt, greifen die Senioren gerne zu. Besonders Frauen nehmen gerne die Hilfestellung professioneller Dienstleister in Anspruch und belegen Computerkurse. „Ein ganz ganz wichtiger Punkt ist, dass in Deutschland die Zukunft in Dienstleistungsberufen liegt. Doch ein starker Trend ist die Lösung ausschließlich mittels Technik. Das ist aber für einen erheblichen Teil von Menschen weniger interessant als Unterstützung durch einen Mix von Technik und personeller Dienstleistung. Dieser Bereich ist hierzulande noch sehr ausbaufähig“, sagt Barbara Schwarze. In der Praxis nutzen derzeit vor allem Frauen die Angebote von Dienstleistern: „Wir haben einen sehr hohen Frauenanteil, Männer wollen lieber Einzelunterricht,“ berichtet Margrit Wesener, „Frauen sind mutiger und haben keine Scheu zu fragen.“
In einem Punkt unterscheiden sich die älteren Nutzer von jüngeren. Zwar surfen sie gerne auf den Seiten von Billigfliegern oder Bahn – doch wenn es um die Übermittlung wichtiger Daten wie die des Kontos oder der Kreditkarte geht, scheuen sie oft. „Da sind die Älteren vorsichtig“, berichtet Margrit Wesener aus der Praxis. Doch nicht immer sei das berechtigt: „Meine Aufgabe ist, ihnen ihre Angst zu nehmen, ohne dass sie ihre gesunde Skepsis verlieren.“ Was jedoch nicht heißen soll, dass sie überall bedenkenlos ihre Daten preisgeben.
Nur aus eigener Neugier gehen die Silversurfer allerdings nicht ins Netz: Sie wollen sich nicht vom gesamtgesellschaftlichen Trend abkoppeln lassen. Denn immer mehr Dienstleistungen und Sonderangebote sind ausschließlich über das Internet zu bekommen. Doch im Netz stoßen sie schnell auf neue Hindernisse: Viele Webseiten halten sich nicht an einheitliche Standards, was Navigation und Aufbau angeht. Das ist, gerade für Neueinsteiger und mit Zeitungen sozialisierte Mediennutzer nicht immer einfach. „So eine Seite wie die von T-Online - da kippen sie erstmal fast vom Stuhl“, berichtet die Berliner Netzdozentin Wesener. Manchmal wäre weniger sicherlich mehr.

© ZEIT online, 13.4.2006
 

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